SEGELN AUF DEM MITTELMEER
Mittelmeer
Klares Wasser, Sichttiefe bis 10 m, man sieht den eigenen Anker am Grund, Baden und Schwimmen den ganzen Tag – so stellt sich manch einer das Segeln auf dem Mittelmeer vor. Und meistens ist es auch so.
Allerdings gibt es auf dem Mittelmeer einige Besonderheiten zu beachten, die ich hier einmal aus meiner eigenen Erfahrung auflisten möchte.
Yacht und Ausstattung
Das Anlegen in der Mittelmeermarina
Während man an der Ostsee oft zwischen Dalben oder an Längsstegen komfortabel festmachen kann, ist in den Mittelmeermarinas das sogenannte „römisch-katholische“ Anlegen üblich. Nur sehr wenige Häfen haben Seitenstege.
Um das sicher zu beherrschen, sollte man möglichst vorher schon einmal zu Hause üben, sofern man aus dem Norden kommt. Denn nicht jede Yacht fährt gern und gerade rückwärts.
Des Weiteren braucht man unbedingt gute Festmacher mit direkt hinter dem Auge an der Klampe eingebundenen Ruckdämpfern. Bugleinen sind dagegen nicht notwendig. Dort wird dann die Muringleine belegt.
Zwischen den Yachten hängen die Fender. Hier ist sehr wichtig, dass man keine Scheuerleisten montiert. Denn an diesen können beim Schaukeln die Fender hängenbleiben, sich hocharbeiten oder abreißen. Einzig eine schmale Edelstahlleiste geht.
Die Fender sollte man möglichst mit einem Überzug nutzen, sonst quietscht es gern mal fürchterlich. Einige „Fachleute“ helfen sich dann mit Geschirrspülmittel aus: der Beginn einer Riesensauerei und eine gute Grundlage für einen Schmierfilm aus Sand, der die gesamte Yachtaußenhaut abschmirgelt.
Einfahrt in eine Mittelmeermarina
Viele Marinas erwarten eine vorherige Anmeldung per Funk oder Telefon. Alternativ kann man an einem Empfangssteg festmachen. Hier befinden sich oft auch die Tankstelle, die Absaugstation sowie die Trinkwasserentnahme.
Wichtig: Wenn man tanken muss oder Wasser braucht, sollte man das sofort erledigen. Oft sind am Vormittag und am späten Nachmittag die Tankstellen in der Saison überfüllt.
Das Vorbuchen eines Platzes per Navily-App ist im Juli und August dringend zu empfehlen, wenn man in den Hafen muss. Oft gibt es davor Ankerplätze zum Warten, und man fährt dann per Dinghi in die Marina.
Die großen Marinas haben zumindest im Hochsommer immer einen Mitarbeiter in einem stark motorisierten RIB, der einen zum Platz leitet und zur Not den Bug herumdrückt. Da er das auch mit sehr großen Yachten machen muss und über entsprechende Erfahrung verfügt, muss man hier keine Angst haben.
Allerdings ist es dringend zu empfehlen, immer rückwärts in die Boxengasse einzulaufen, um zur Not einfach nach vorn wieder herauszukommen. Dazu mittig fahren, damit man nicht an einer Muring hängen bleibt.
Wer dann mit Blick nach hinten am Steuer steht: Bitte beim Aufstoppen den Gashebel nach hinten, also gen Bug, ziehen. Habe ich selber auch schon verwechselt. Daher immer einen riesigen Kugelfender am Heck fahren.
Die an Land wartenden Mitarbeiter wollen die luv- und dann die leeseitige Heckleine. Das muss schnell gehen und daher müssen die Leinen belegt sein. Am besten gibt man nur eine lange Bucht rüber und holt auf etwa 1 m Abstand dicht.
Danach auskuppeln, denn schon wird einem eine dünne, schlickrig-ekelige Muringholleine gereicht. Das braune Sediment daran ist übrigens … ja genau. Daher: Arbeitshandschuhe anziehen.
Mit der Leine am Schiff vorbei zum Bug und die Muring erst einmal schnell belegen. Ja – es tropft alles dreckig mit brauner Soße. Ja – der Abstand stimmt noch nicht. Das kann man dann alles in Ruhe klären, denn am Steg wird schon wieder gedrängelt: Man erwartet oft sofort die Schiffspapiere.
Ich habe mir dazu die jeweils aktuelle Haftpflichtversicherung und das Bootszeugnis ausgedruckt, laminiert und in eine wasserabweisende Dokumentenmappe getan. Obendrauf ein großes, einlaminiertes Schild mit dem Yachtnamen. Der stand bei uns am Bug, deshalb hießen wir oft „Kröslin“. 🤣
Gangway und Passarelle
Und jetzt kommt der nächste Unterschied: Zum Übersteigen braucht man eine Gangway oder Passarelle.
Die gibt es in unendlichen Ausführungen. Wichtig ist eine kippelsichere Befestigung am Yachtheck mit einer Buchse. Das pure Auflegen eines Brettes wird irgendwann schiefgehen.
Das stegseitige Ende der Passarelle wird mit einem Hahnepoot durch eine zusätzliche Dirk oder ein Fall nach oben gezogen. In etwa 3 m Höhe muss ein Abstandhalter von ca. 50 cm eingebunden sein.
Wer sich eine Gangway kauft, muss das alles noch selbst anbringen. Wichtig sind nur die Augen dafür. Eine Reling braucht man oft nicht.
Aber Achtung: Wenn die Gangway auf dem Steg aufliegt, kann sich das Schiff durch Heckwind vom Steg entfernen. Wer dann wie ich an Land geht, wird unweigerlich die Gangway herunterdrücken und gegen die Kaimauer marschieren. Die ist gern mit großen Muscheln besetzt.
Ich habe mir dabei einmal das gesamte Schienbein aufgeschürft. Also vor dem Betreten der Gangway immer prüfen, ob sie tatsächlich aufliegt.
Gegen das Schamfilen am Kai diese immer etwas hochbinden und mit seitlichen Gummistrops gegen das Schaukeln sichern.
Schon jetzt merken Sie: Die eingesparte Zeit wegen der oft nicht benötigten Vorleinen und Springs investiert der Skipper in die korrekte Anbringung der Gangway.
Danach geht es aber sofort zur Anmeldung, während die Familie meistens nur eins will: Baden.
Klar geht das nie im Hafenbecken. Erstens fahren Yachten umher, zweitens hochmotorisierte RIBs und Jetskis und drittens sind oft Fäkalien im Wasser. Wo die herkommen, kann sich jeder denken.
Leben und leben lassen
Hier sind wir gleich bei einem weiteren Unterschied zwischen dem eher beschaulichen Norden und dem Mittelmeer: Hier gilt Leben und leben lassen.
Man gönnt jedem anderen Wassersportler seinen Spaß – auch RIBs mit tausenden PS oder die neuen hochmotorisierten Jetskis gehören dazu.
Wer das nicht erträgt, muss zumindest Juni bis September meiden. Die oft von Deutschen gern eingeforderten Ruhezeiten gibt es hier nicht.
Entweder man lässt sich darauf ein oder bleibt lieber weg.
Natürlich gibt es immer in meist kurzer Entfernung einen ruhigen Ankerplatz. Aber man will ja gern dahin, wo es schön ist – und da ist man selten alleine.
Ankern
Die Alternative zu den in der Hochsaison oft sehr teuren Marinas ist das Übernachten auf einem Ankerplatz.
Hierzu braucht man zuerst ein gutes Ankergeschirr. Aus meiner Sicht geht nur Zinkkette oder Duplexstahl, kein normaler V4A-Edelstahl. Der kann nämlich bei warmem Seewasser ab 27 °C korrodieren (Spaltkorrosion an den Kettengliedern).
Beim Thema Ankern gibt es mehrere Besonderheiten zu beachten: Auch wenn kein explizites Ankerverbot besteht, sollte man nur auf Sandgrund und niemals im Seegras ankern.
Manchmal sind Muringtonnen ausgelegt, die selten kostenlos, aber oft verpflichtend sind. Ankern ist dann verboten und der Betreiber kassiert.
Ob allerdings der Kassierer auch der Betreiber ist, muss man sorgfältig prüfen. Sonst zahlt man unter Umständen doppelt.
Nicht immer sind die Tonnen offiziell und nicht immer halten die Verankerungen bei allen Bedingungen. Daher muss man jederzeit das Wetter beobachten, Ankeralarme einschalten und vor allem bei aufkommendem Sturm jederzeit abfahrbereit sein.
Auf See ist seltenst ein Schiff auf Grund gelaufen, und Legerwall kann hier dramatisch schiefgehen – siehe Korsika.
Dinghi und Landgang
Jetzt geht es endlich ins Dinghi und an Land – einkaufen und abends mal essen gehen.
Denn an Bord gegrillt wird maximal am Ankerplatz; der Mittelmeersegler geht gern essen.
Und da kommt die nächste Umstellung, aber das kann man sich schon denken: Die großen und hervorragend geführten Beachbars und Strandrestaurants, insbesondere im westlichen Mittelmeer, sind sündhaft teuer, aber fast immer sehr gut.
Wir haben dort niemals schlecht gegessen oder schlechten Service erlebt, insbesondere in Frankreich und Korsika.
Und sie sind ausgebucht, daher ist eine Reservierung Pflicht.
Wer dann per Dinghi am Steg des Clubs oder an deren Bojen anlegt, fühlt sich schon fast wie ein Promi. Allerdings geht so ein Abend dann auch richtig ins Geld.
Unter 50 € je Person ist fast nichts zu machen, wenn schon ein großes Bier 9 € kostet.
Gern werden fangfrische Meerestiere auf großen Korktabletts gezeigt. Man sucht sich seinen Fisch aus und bekommt auch genau diesen später gegrillt serviert.
Aber Achtung: Ein großer Raubfisch mit 1–2 kg reicht filetiert gerade mal für 1–2 Personen, kann aber schnell 100 € kosten. Gern wird der Kilopreis natürlich für die Rohware genannt.
Man tröstet sich damit, dass man das natürlich nicht täglich macht und im Norden selten so erlebt.
Das Vorgehen mit den Hummern in Frankreich muss man akzeptieren; ob man es unterstützt, ist jedermanns eigene Sache.
Ich esse keinerlei Meerestiere – die Außenbordskameraden bleiben außenbords. 🐠🐟🦀 Daher war ich da immer raus.
Zum Dinghi bleibt zu sagen, dass dieses einen möglichst kräftigen Antrieb braucht, wenn man einmal bei starkem Wind zum Schiff muss.
Wir hatten aber eines mit Elektroantrieb und es ging auch. Natürlich nicht im Sturm.
Noch ein Tipp
Handfunke mitnehmen und abends nicht nur das Ankerlicht anschalten, denn das haben alle.
Nach dem ersten nächtlichen Suchen der eigenen Yacht in einem rappelvollen Ankerfeld in Palombaggia haben wir dann immer eine individuelle Cockpitbeleuchtung angelassen. 😳
Liegeplatzsuche
Der Deutsche regelt ja gern alles per Mail ohne viel Aufwand. Eigentlich eine gute Idee, aber so kommt man meistens nicht zum Erfolg.
Mittelmeerliegeplätze sind rar und die Wartelisten lang.
Das heißt aber nun nicht, dass es keine gibt.
Als wir Richtung Mittelmeer, noch dazu Südfrankreich, aufbrachen, wurde uns von allerlei Experten prophezeit, dass wir niemals einen guten Platz bekommen würden.
Die meisten der Experten hatten weder eine Yacht noch waren sie je dort.
Wie geht man daher am besten vor?
Wir sind im Herbst einfach mit dem Auto von Marina zu Marina gefahren, haben uns mit ein paar Sätzen auf Französisch vorgestellt und um ein Angebot gebeten.
Nach drei Tagen hatten wir fünf Verträge und haben einen sofort unterschrieben.
Hierbei ist wichtig:
- Die Plätze gelten oft monatsweise oder halbjährlich bis maximal Ende Mai oder Juni.
- Im Juli und August ist Hochsaison. Da würde der Platz mehr kosten als in den restlichen zehn Monaten. Wir hatten für 11-m-Plätze ca. 40–50 € je Tag im Sommer. Das bringt der Marina in 60 Tagen 3.000 € und mehr. Der Zehn-Monats-Vertrag lag oft bei 5.000–6.000 €, zwölf Monate gern ab 10.000 €.
- Wer im Sommer nicht segeln will oder kann oder wem es zu heiß ist: Trockenmarina suchen. Dort bleibt die Yacht an Land, bis man anreist. Besonders in Griechenland und Italien verbreitet. Das klappt erstaunlich gut.
- Die Plätze besitzen meist kurzlaufende Konzessionen. Kaufen ist daher oft unwirtschaftlich.
Die Yacht im Mittelmeer
Das Wichtigste ist aber: Das Mittelmeer ist gnadenlos und wird Ihre Yacht zerstören.
Sonne und Wind verbinden sich mit Sand und Salz und sind eine tödliche Kombination für alle Stoff- und Holzteile.
Daher, wenn es irgendwie geht:
- kein Teakdeck – wird eh nur heiß
- keine großen Stoffverdecke, Sprayhoods oder Kuchenbuden
- lieber ein stabiles, wegklappbares Bimini, welches aber beim Segeln stehen bleiben kann
- wenn man nach Hause fährt, ist es besser, alles an Deck gut zu verstauen und alle Verdecke wegzupacken
Neben Sonne und Salz gibt es nämlich einen weiteren Feind: roten Saharasand.
Der geht in alle Ritzen. Mit offenem Deck kann er bei eventuellem Regen mal weggespült werden.
Scheiben aus Kunststoff, wie sie bei Verdecken üblich sind, werden dadurch blind.
Teakdecks heizen sich extrem auf, auch Kunstteak. Ich finde ein weißes Deck bei GFK-Yachten am besten.
Yachtservicebetriebe
Zu Recht verschrien und gewöhnungsbedürftig: Hier wartet niemand auf Sie.
Denn die wenigen guten Betriebe sind komplett ausgebucht, nehmen aber jeden Auftrag an, ohne fixe Fertigungstermine nennen zu können.
Wenn man nicht vor Ort ist, passiert oft wenig.
Trotzdem ist alles teuer.
In den meisten Marinas besteht zudem ein Fremdfirmenverbot. Hohe Konzessionen bestrafen Fremdarbeiten, manchmal sind auch Eignerleistungen untersagt, zum Beispiel Yachtarbeiten am Rumpf.
Daher immer alles vorher klären, sonst wird es schnell sehr teuer.
Kranen kann schnell vierstellig kosten – und zwar je Vorgang.
Der Wassermacher
Zumindest wenn du entspannt und lange ankern willst, ist ein kleiner Wassermacher unverzichtbar.
Schon 30 l/h reichen aus, um von der Landversorgung unabhängig zu sein.
Dazu badet man öfter, insbesondere mit Kindern an Bord. Das braucht Duschwasser.
Viele Marinas haben im Hochsommer kein Wasser an den Stegen und schalten dieses eine Stunde am Tag frei. Dann fließt es nur als Rinnsal in den Tank – mit zweifelhafter Qualität.
Segeln?
Na klar – das Wichtigste zum Schluss.
Gern wird gesagt: Im Mittelmeer gibt es im Sommer entweder Flaute oder Sturm.
Kann ich voll bestätigen.
Zumindest Tage mit gleichbleibendem Wind aus einer Richtung hatten wir nie.
Eher dominiert die Thermik mit Flaute bis Mittag und anschließendem Seewind. Ab und zu kommen starke Stürme dazu, teilweise auch neuerdings extreme Mittelmeerzyklone und starke Gewitter.
Das Wasser erreicht bis zu 32 °C.
Das ist alles sehr gefährlich und wird eher schlimmer. Dazu kommen Sommerhöchstwerte um 40 °C und allerorts Waldbrände.
Fazit
Das Mittelmeer ist super schön, reicht in seiner Größe garantiert für mehr als ein Seglerleben, und deinen ersten Delfin wirst du nie vergessen.
Aber es ist auch weit weg, sehr teuer und der Service an der Yacht braucht Zeit und Geld.
Wer beides nicht hat, ist dort falsch.
Natürlich geht es auch mit einer kleinen Yacht und preiswert, aber das ist eher die Ausnahme als die Regel.
Das heiße Wetter im Sommer muss man mögen.
Die meisten kehren – wir auch – nach Jahren wieder an die kühlere Ostsee zurück.
Daher wirklich realistisch prüfen, ob man das auf Dauer kann und will.
Ein Yachtverkauf hier wird schnell zum Nightmare.