DEINE NEUE YACHT KOMMT AUS CHINA??
Die Zukunft der europäischen Yachtbranche
Ist die europäische Yachtbranche noch zu retten?
Ist die europäische Yachtbranche noch zu retten oder müssen wir bald alle unsere Yachten in China kaufen oder produzieren lassen, wenn wir weiterhin neue Yachten haben wollen?
Ich habe mir in den letzten Wochen einmal genauer angeschaut, was gerade in der europäischen Freizeitindustrie passiert. Ein interessanter Indikator dafür ist für mich der Caravan Salon in Düsseldorf. Der Caravan-Markt ist zwar nicht eins zu eins mit dem Yachtmarkt vergleichbar, aber vieles, was dort gerade passiert, kann durchaus ein Hinweis darauf sein, was uns bei BOOT Düsseldorf und generell in der europäischen Yachtbranche noch bevorstehen könnte.
Wir hatten nach Corona diese goldenen Jahre. Die Leute wollten raus, sie wollten reisen, sie wollten Boote und Wohnmobile kaufen. Die Hersteller konnten eigentlich gar nicht schnell genug produzieren. Und dann kam der große Preisauftrieb. Material, Energie, Personal, Transport – alles wurde teurer, und natürlich haben auch die Hersteller ihre Preise entsprechend angehoben. Irgendwann kommt aber der Punkt, an dem der Kunde sagt: Moment mal, was bekomme ich eigentlich noch für mein Geld? Du siehst den Wert einfach nicht mehr.
Das kann man meiner Meinung nach am Caravan-Markt sehr gut beobachten. Ich habe selbst überlegt, ob ein Camper oder ein entsprechend ausgebauter Transporter für mich sinnvoll wäre. Ich bin sehr viel in Europa unterwegs, fahre im Jahr ungefähr 100.000 Kilometer und verbringe weit über 100 Nächte im Hotel. Eigentlich wäre so ein Fahrzeug für mich interessant. Aber wenn ich mir anschaue, was solche Fahrzeuge heute kosten, wird es schwierig.
Für ungefähr 100.000 Euro bekommt man teilweise einen ausgebauten Transporter, der immer noch laut ist, relativ viel Diesel verbraucht und vom Fahrkomfort nicht unbedingt das bietet, was ich bei meinen langen Fahrten erwarten würde. Ich brauche kein Luxusfahrzeug. Wenn so ein Fahrzeug 60.000 oder 70.000 Euro kostet, kann man darüber reden. Aber dann möchte ich auch einen vernünftigen Motor haben und nicht einen 90-PS-Fiat, der mit einem voll beladenen Fahrzeug durch Europa fährt.
Und genau da liegt für mich das Problem. Zwischen einem normalen Transporter und einem ausgebauten Camper entsteht teilweise ein Preisunterschied, den ich einfach nicht nachvollziehen kann. Die Möbel sind im Prinzip standardisierte Module, die Technik ist überschaubar, und auch die Wassersysteme bestehen letztlich aus zusammengesteckten Schläuchen. Das ist nicht mit dem vergleichbar, was wir beispielsweise im hochwertigen Yachtbau an handwerklicher Leistung haben.
Die Bootsmessen und das Preisproblem
Jetzt beginnt wieder die Bootssaison mit den großen Messen. Von Cannes hört man ebenfalls, dass es nicht unbedingt einfach läuft. Gleichzeitig sind die Kosten für die Werften auf diesen Messen enorm. Cannes ist mittlerweile die größte In-Water-Boatshow Europas, und gerade für die Werften ist das eine erhebliche Belastung. Man muss sich schon fragen, ob es sinnvoll ist, jedes Jahr diese enormen Summen für Messestände auszugeben.
Ein großer Vorteil von In-Water-Shows ist natürlich, dass die Yachten auf dem Wasser liegen. Die Boote kommen teilweise auf eigenem Kiel, und auch Händler oder Kunden können ihre Yachten zur Verfügung stellen. Die Werft muss dann im Grunde nur noch den Landstand und die entsprechende Präsentation organisieren.
Aber rund um die Croisette sind die Kosten teilweise völlig aus dem Ruder gelaufen. Hotels in unmittelbarer Nähe sind für viele einfach nicht mehr marktgerecht. Und der Kunde kommt letztlich auf die Messe, schaut sich verschiedene Boote an und versucht natürlich auch, einen Messepreis oder irgendeinen Rabatt herauszuhandeln.
Das Problem ist: Die Preise für neue Yachten sind inzwischen so hoch, dass sich viele Kunden grundsätzlich fragen, ob sie überhaupt noch eine neue Yacht kaufen wollen. Wenn eine kleine Familienyacht in der 36-Fuß-Klasse weit über 200.000 Euro kostet, dann muss man sich schon fragen, wie viele Menschen bereit sind, dieses Geld für ein serienmäßig gebautes Boot auszugeben.
Viele gehen deshalb in den Gebrauchtmarkt. Dort gibt es nach wie vor sehr gute Yachten. Natürlich muss man bei einer gebrauchten Yacht damit rechnen, dass etwas repariert oder erneuert werden muss. Und wenn man solche Arbeiten nicht selbst machen kann, können die Werftstunden gerade in Nordeuropa ebenfalls richtig teuer werden. Trotzdem bleibt eine gute gebrauchte Yacht für viele eine interessante Alternative.
China kommt ins Spiel
Auf den Messen fällt noch etwas anderes auf: Man sieht sehr viele chinesische Besucher und zunehmend auch chinesische Aussteller. Ich gehe davon aus, dass ein Teil dieser Besucher aus dem gewerblichen Bereich kommt und sich sehr genau anschaut, wie der europäische Yachtmarkt funktioniert.
China ist für den Yachtbau eigentlich ein prädestiniertes Land. Wir kennen das aus der Automobilindustrie. Im Yachtbau haben wir sehr viel Handarbeit, und viele Arbeitsschritte lassen sich nur begrenzt automatisieren. Wenn Arbeitskosten in China deutlich niedriger sind als in Europa, entsteht natürlich ein erheblicher Kostenvorteil.
Das Problem ist, dass wir in Europa unter völlig anderen Bedingungen produzieren. Ein guter Bootsbauer arbeitet nicht für den Mindestlohn. Ein guter Bootsbauer muss vernünftig bezahlt werden, sonst ist er weg und arbeitet irgendwo anders. Genau diese Fachkräfte braucht eine Werft.
Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass europäische Unternehmen irgendwann stärker mit chinesischen Werften zusammenarbeiten. Vielleicht entstehen Joint Ventures oder andere Kooperationen. Vielleicht heißt es irgendwann einmal Beneteau oder Jeanneau „Made in China“. Das muss nicht grundsätzlich schlecht sein. Aber es wäre eben eine andere Art von Yachtbau.
Natürlich muss man auch den Transport betrachten. Wenn ich ein Boot einmal um die halbe Welt transportieren muss, kostet das ebenfalls Geld. Der Kostenvorteil wird dadurch zumindest teilweise reduziert. Und wir haben in der Vergangenheit bereits chinesische Boote gesehen, die versucht haben, in Europa Fuß zu fassen. Bei den europäischen Privatkunden war die Reaktion darauf teilweise sehr zurückhaltend.
Die Yacht ist etwas anderes als ein Auto
Warum glaube ich nicht, dass bei Yachten genau das Gleiche passiert wie bei Autos?
Das Auto ist für viele Menschen heute in erster Linie ein Gebrauchsgegenstand. Die emotionale Bindung ist bei vielen geringer geworden. Deshalb war es auch relativ einfach, dass japanische und später koreanische Hersteller in Europa erfolgreich wurden. Ich bin selbst als Student japanische Autos gefahren. Ich war froh, dass ich überhaupt ein Auto hatte. Es hat funktioniert, und ob das nun aus Deutschland, Japan oder Korea kam, war für mich eigentlich egal.
Bei einer Yacht ist das anders. Eine Yacht ist emotional. Gerade eine neue Yacht wird nicht einfach gekauft wie ein Kühlschrank oder ein Auto. Man geht auf eine Messe, schaut sich die Boote an, lässt sich inspirieren, nimmt Prospekte mit und stellt sich irgendwann vor, wie man selbst mit diesem Boot unterwegs sein wird.
Deshalb glaube ich, dass es für chinesische Hersteller schwieriger sein wird, direkt beim europäischen Privatkunden Fuß zu fassen.
Anders sieht es im Chartermarkt aus. Wenn China in den europäischen Yachtmarkt hineinwill, könnte der Chartermarkt ein guter Einstieg sein. Dort lassen sich größere Stückzahlen unterbringen, und eine Chartergesellschaft schaut natürlich stark auf ihre Kosten.
Das könnte für die europäischen Werften gefährlich werden. Wenn irgendwann viele chinesische Yachten in Charterflotten stehen, kommen gleichzeitig die bisherigen Charteryachten in den Gebrauchtmarkt. Damit entsteht zusätzliches Angebot, während möglicherweise weniger neue Boote aus europäischen Werften gebraucht werden.
Was würde ich als europäische Werft machen?
Wenn ich heute eine europäische oder deutsche Werft führen würde, würde ich nicht versuchen, China beim Preis zu schlagen. Das wird wahrscheinlich nicht funktionieren.
Ich würde mich wieder stärker auf die Segelyacht konzentrieren. Catamarane würde ich nicht bauen. Viele deutsche Werften liegen außerdem zu weit vom Wasser entfernt. Greifswald wäre da eine Ausnahme und könnte das technisch und räumlich sicherlich machen. Aber gerade weil im Catamaranbau inzwischen sehr viele Anbieter auf den Markt drängen, wäre ich vorsichtig.
Mein Ansatz wäre ganz einfach: Drei Modelle. That’s it.
Ein Einstiegsmodell mit ungefähr 32 oder 33 Fuß. Dann ein Modell um die 36 Fuß für Familien und Reisen, gerade auch auf der Ostsee, vielleicht mit zwei oder drei Kabinen. Und dann noch ein Modell um die 40 Fuß.
Mehr würde ich zunächst gar nicht bauen.
Diese Boote müssten eine vernünftige Qualität haben und vor allem einen nachvollziehbaren Preis. Nicht jedes technische Extra muss ab Werk eingebaut werden. Wenn jemand einen Watermaker, eine Klimaanlage, Lithiumbatterien oder sonst etwas möchte, kann die Yacht dafür vorbereitet sein und später beim Händler oder durch einen spezialisierten Partner nachgerüstet werden.
Das gilt auch für die Ausstattungspakete. Heute gibt es teilweise Preislisten, bei denen selbst Verkäufer nicht mehr genau wissen, was eigentlich enthalten ist. Etwas wird angeboten, dann rabattiert, an anderer Stelle wieder aufgeschlagen und auf der Messe kommen noch fünf zusätzliche Kästchen dazu.
Der Kunde ist heute ein scheues Reh. Der hat mehr Angst als Liebe zur Yacht und wittert überall irgendwelche Nachteile.
Deshalb muss das Konzept glasklar sein. Der Kunde muss verstehen, was er bekommt und warum das Boot diesen Preis kostet.
Einfacher produzieren
Wenn ich nur drei Modelle habe, kann ich auch wesentlich besser planen und auf Vorrat produzieren. Man könnte beispielsweise eine bestimmte Anzahl fertiger Grundboote im Lager haben, die von Händlern abgerufen und anschließend entsprechend ausgestattet werden.
Das wäre für mich ein komplett anderer Ansatz als heute, wo teilweise jede Yacht eine eigene kleine Sonderanfertigung ist.
Eine andere Möglichkeit wäre der Weg, den beispielsweise Sirius gegangen ist: eine sehr hochwertig ausgestattete Yacht, bei der vieles bereits ab Werk enthalten ist und der Preis dafür auch entsprechend kalkuliert wird. Das funktioniert durchaus, aber dafür braucht man die entsprechenden Fachkräfte im eigenen Haus.
Eine kleine, alteingesessene Werft mit einer gut ausgebildeten eigenen Mannschaft kann so etwas machen. Eine große Serienwerft mit ständig wechselnden Mitarbeitern kann dieses Niveau nicht einfach von heute auf morgen herstellen.
Deshalb glaube ich, dass gerade die großen Serienwerften ihre Modelle und ihre Prozesse vereinfachen müssen.
Der Durchschnittseigner wird älter
Ein weiterer Punkt ist die Demografie. Der durchschnittliche Yachteigner wird immer älter. Wenn der durchschnittliche Eigner heute ungefähr 62 Jahre alt ist, muss sich eine Werft überlegen, was in zehn Jahren passiert.
Natürlich gibt es Menschen, die mit 80 oder 90 noch segeln. Aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem ein 70-jähriger Eigner sagt: Ich möchte mein Boot verkaufen.
Wenn ich heute 65 bin und eine neue Yacht für beispielsweise 300.000 oder 400.000 Euro kaufen soll, stelle ich mir vielleicht die Frage, ob ich dieses Boot überhaupt noch zehn oder fünfzehn Jahre nutzen werde.
Deshalb müssen Yachten wieder einfacher werden. Nicht schlechter, sondern verständlicher, robuster und stärker auf das konzentriert, wofür eine Segelyacht eigentlich da ist: auf ihre Segel- und Gebrauchseigenschaften.
Meine Erfahrung mit Jeanneau und dem Chartermarkt
Ich habe selbst viele Jahre Erfahrung mit Charteryachten und wir haben ausschließlich Jeanneau-Yachten eingesetzt. Ich war damit sehr zufrieden. Die Boote haben viele Saisons gemacht und waren für den Charterbetrieb ausgesprochen robust.
Jeanneau war damals im Charterbereich sehr verbreitet, und gerade diese Einmarkenstrategie hatte Vorteile. Wenn ich eine ganze Flotte mit einer Marke habe, brauche ich nicht für fünf verschiedene Hersteller Ersatzteile und kenne die Systeme.
Später hat sich die Qualität bei Jeanneau aus meiner Sicht deutlich verändert. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Chartergeschäft allerdings bereits verkauft.
Meine Erfahrung zeigt mir aber, dass eine Serienyacht nicht automatisch schlecht sein muss. Wenn ein Boot von Anfang an vernünftig konstruiert und robust gebaut wird, kann es im Charterbetrieb sehr viel aushalten.
Und genau deshalb ist der Chartermarkt für die europäischen Werften gleichzeitig Chance und Risiko. Er ist ein wichtiger Absatzkanal, könnte aber durch günstige chinesische Serienyachten unter Druck geraten.
Mein persönliches Fazit
Ich glaube nicht, dass die europäische Yachtindustrie einfach verschwinden wird. Aber sie muss sich verändern.
Wir können nicht dauerhaft immer größere, kompliziertere und teurere Yachten bauen und erwarten, dass der Kunde jeden Preis akzeptiert. Für mich wäre deshalb der richtige Weg: kleiner, einfacher, besser und nachvollziehbarer.
Drei Modelle. Eine klare Ausstattung. Eine vernünftige Qualität. Ein nachvollziehbarer Preis.
Und mein Schiff wird nicht aus China kommen. Eher würde ich darauf verzichten. Nicht weil ich etwas gegen China habe, sondern weil ich, wenn es möglich ist, die heimische Industrie unterstützen möchte.
Back to the roots.