EINE FAHRTENYACHT FÜR 100.000 €?? GIBT‘S SCHON
Ausschreibung eines Einsteigerbootes unter 100.000 Euro
Aus aktuellem Anlass: Ich begrüße wirklich jede Idee und jedes Vorgehen von jedem Marktbegleiter, wenn es darum geht, mehr Leute aufs Wasser zu bekommen – insbesondere natürlich, wenn es um mein Lieblingsthema Segelyachten geht.
Derzeit haben wir eine der größten und langanhaltenden Krisen, die sich natürlich auch auf den Yachtbau und Yachtkauf auswirkt. Davon sind alle Marktteilnehmer gleichermaßen betroffen. Es beginnt bei den Werften, bei denen der Verkauf von neuen Yachten quasi zusammengebrochen ist. Es geht weiter über die Messebetreiber, die Probleme haben, ihre Messen zu füllen, über die Ausrüster (denn wo keine Yachten gebaut werden, braucht man auch weniger Ausrüstung) bis hin zu den Marina-Betreibern und Versicherern. Alle sitzen sprichwörtlich im gleichen Boot.
Gerade wenn man diesen Sommer als Beispiel nimmt, der wirklich schönes Wetter hatte, wurde mir an vielen Stellen, vor allen Dingen in Norddeutschland, berichtet, dass die Häfen noch niemals so leer von Gastliegern, aber auch noch niemals so voll von Liegeplatzinhabern waren. Daraus kann man schließen, dass viele eine Yacht haben, aber gar nicht mehr rausfahren. Und so sah es auch in vielen Marinas aus, in denen ich berufsbedingt tätig war. Man hat wirklich gesehen, dass viele Yachten quasi unbenutzt und verwaist an den Stegen lagen und auch viele Charteryachten kaum bewegt wurden.
Das heißt nicht, dass sie nicht vermietet waren. Viele Boote werden auch als Ferienwohnung benutzt, auch von den Eigentümern selbst. Aber man sieht deutlich, dass der ganze Markt quasi sprichwörtlich zum Stillstand gekommen ist.
Daher ist die Initiative des Verband Maritime Wirtschaft Deutschland e. V. (VMWD)
zusammen mit der Zeitschrift segeln, nach Ideen zu fragen, wie man eine kleine Fahrtenyacht bauen kann, die unter 100.000 Euro kostet, grundsätzlich zu begrüßen.
Normalerweise sollten sich jetzt alle darüber freuen und freudig die Ergebnisse erwarten. Ich halte das Ganze leider für eine Totgeburt – und damit stehe ich bestimmt nicht alleine.
Das hat zwei Gründe.
Erstens: Wer als Werft heute eine neue Yacht entwickeln will, muss hohe Entwicklungskosten, Formenbau, Prototypenbau, Zulassung und Zertifizierung und natürlich anschließend Tests finanzieren. Das Ganze kostet schnell Millionen und ist nicht refinanzierbar. Werften wie Hanse und Bavaria arbeiten heute mit einprozentigen Gewinnmargen, Branchenprimus Beneteau schafft es wenigstens auf 7-9 %.
Nehmen wir als Beispiel die damals von Hanse-Chef Michael Schmidt ins Leben gerufene Varianta. Ich war damals ein großer Freund von einem Schiff, das mit einer Basisausrüstung kommt, bezahlbar ist und bei dem der Eigner die Ausrüstung nachkauft, die er wirklich braucht – zum Beispiel Heizung, Wassermacher, Solaranlage, Energieerzeugung und alles, was man am Anfang erst einmal nicht braucht.
Es gab eine Variante 18, die zwischen 9.000 und 15.000 Euro in den Markt kam. Nach knapp 300 Einheiten wurde dieses Schiff nach fünf Jahren eingestellt. Und ich bin mir sicher, dass es der Werft nachhaltig sicher nicht viel genützt hat.
Michael Schmidt selber hat in einem, wenn ich mich richtig erinnere, FAZ-Interview einmal gesagt: „Großes Geld verdient man damit sicher nicht, aber die Mitarbeiter sind in Arbeit.“ Und da sieht man auch, was ihm immer wichtig war und auch heute noch ist: Die Werft muss in Betrieb bleiben.
Es nützt nichts, wenn du in einer Krise alle Leute rauswerfen musst und dann, wenn die Krise vorbei ist, nicht neu starten kannst, weil niemand mehr da ist. Damals war das garantiert der richtige Ansatz und es wurden immerhin knapp 300 Schiffe verkauft. Allerdings kann sich jeder selbst ausrechnen, dass selbst bei 3.000 Euro Marge an einem solchen Schiff als Werft die Entwicklungskosten damit nicht abzudecken sind – zumindest nach heutigen Maßstäben.
Heute haben wir eine Wirtschaftskrise, die durch zwei Kriege verschärft wurde. Dazu kommen weitere strukturelle Probleme. Und das macht die ganze Sache nicht einfacher. Kein Mensch weiß, wann diese Krise überhaupt vorbei ist. Es gibt keinerlei verlässliche Vorhersagen. Niemand kann erwarten, dass sich in so einer Zeit Leute eine Yacht kaufen, egal ob sie 50.000 oder 150.000 Euro kostet.
Natürlich gibt es immer die Leute, die schon immer den Traum vom Segelschiff hatten und segeln wollen. Aber die brauchen natürlich eine andere Yacht. Und die können sich am Gebrauchtmarkt orientieren und wären dort auch fündig.
Der Markt braucht keine neue eierlegende Wollmilchsau
Genau deshalb kommt mir die Ausschreibung ein bisschen vor wie die Suche nach der eierlegenden Wollmilchsau.
Es wird schlicht keine Fahrtenyacht geben können, die sowohl auf See als auch binnen alle diese Bedingungen erfüllen kann. Denn jeder Konstrukteur muss seine Yacht für ein bestimmtes Revier bauen.
Selbstverständlich kann ich eine 35-Fuß-Yacht bauen, die sowohl binnen mit Kielschwert oder irgendeinem Klappmechanismus als auch auf See eine gute Performance abgibt, möglichst noch eine Mastlegevorrichtung hat und natürlich so wenig Tiefgang besitzt, dass sie auch kleinere Häfen am Uferrand erreichen kann. Aber das geht natürlich immer sehr ins Geld.
Deshalb muss man sich zuerst fragen: Wie groß muss so ein Schiff überhaupt sein, um Spaß beim Segeln zu haben, wenn man junge Menschen erreichen will?
Und da gibt es eigentlich bereits Bootstypen, die viele dieser Anforderungen erfüllen. Da muss man nichts Neues konstruieren.
Warum nicht auf vorhandene Konzepte zurückgreifen?
Das eine sind Jollenkreuzer – sozusagen die Dinosaurier der Binnenreviere.
Der Jollenkreuzer wird seit rund 75 Jahren gebaut und gesegelt und ist sehr schnell. Man kann ihn äußerst sportlich segeln, damit wird er auch sehr anspruchsvoll, weil er eine latente Kentergefahr beinhaltet. Er eignet sich aber auch perfekt zum Fahrtensegeln, vor allen Dingen in den Brandenburger und Mecklenburg-Vorpommerischen Gewässern.
Mit einfachster Mastlegevorrichtung sowie aufholbarem Ruder und Schwert kann man im Prinzip von Berlin bis zur Müritz und nach Schwerin alles erreichen.
Der von mir ausgerüstete und konzipierte und damals von Gottschald, dem legendären Jollenkreuzerbauer aus Rathenow, gebaute Jollenkreuzer, den wir mehrfach gebaut haben, wurde sogar von der YACHT getestet. Im YACHT Charter Magazin wurden ihm mehrere Seiten Bericht gewidmet, weil die Testcrew so begeistert von diesem Schiff war.
Man hat keine Stehhöhe, man hat keine Toilette – das braucht man auch nicht. Aber man hat Segelspaß und kann damit Fahrtensegeln machen. Wir haben das jahrelang gemacht, selbst mit zwei oder drei Kindern war das kein Problem, weil der gesamte Rumpf des Jollenkreuzers im Prinzip als Schlafplatz dienen kann.
Wer es exklusiver möchte und vielleicht auch auf die Regattabahn abbiegen möchte, kann sich bei der Bootswerft Christen umsehen. Preislich bewegt man sich bei einem solchen Regatta-Jollenkreuzer allerdings in einer ganz anderen Liga.
Und beim Folkeboot ist es nicht viel anders, nur dass es natürlich die Möglichkeit bietet, in küstennahen Gewässern zu segeln und damit eine entsprechende Stabilität zu haben. Diese Schiffe sind bezahlbar, sowohl im Gebrauchtbootbereich als auch als Neubau, und sie bieten alles, was man braucht.
Das werden nie Schiffe sein, mit denen man im Mittelmeer oder über den Atlantik schnell unterwegs ist. Aber von der Sicherheit her wäre das überhaupt kein Problem. Aufgrund der geringen Länge erreicht man natürlich keine hohen Geschwindigkeiten.
Und daher ist natürlich die große Frage: Warum neu entwickeln? Wer soll das bauen? Wer soll die Kosten übernehmen?
Ich glaube nicht, dass darin der Schlüssel zum Erfolg liegt. Denn es wurde ja schon mal so ein Schiff entwickelt und als BENTE ist es auch nach wie vor im Angebot.
Der Schlüssel könnte im Gebrauchtmarkt liegen
Der Schlüssel zum Erfolg könnte vielleicht vielmehr darin liegen, Leute wieder an solche Schiffe heranzuführen, die auf dem Markt ohnehin vorhanden sind.
Die junge Generation lebt ja vor, dass man auch gebrauchte Sachen länger und wieder beziehungsweise weiter verwenden kann. Warum soll man das nicht mit einer Yacht machen?
Es gibt unzählige Segelvereine, die Schiffe herumstehen oder herumliegen haben, die auf Weiterverwendung warten und die oft für kleines Geld angeboten oder sogar verschenkt werden. Sobald es sich um trailerbare Schiffe handelt, könnte sich jemand so ein Schiff irgendwohin holen und selber reparieren oder es in einer kleinen Werft, die sich auf so etwas spezialisiert hat, mit Hilfe der Werft reparieren lassen.
Es gibt genügend Beispiele, wo Leute das machen, und es gibt auch genügend Werften, die von jungen Seglern geführt werden, die Schiffe in allen solchen Preisklassen anbieten oder mit Holz arbeiten.
Man muss es eigentlich nur wollen. Und natürlich braucht man Zeit und Geld.
Denn wenn man das nicht investieren will, dann wird man sich keine Fahrtenyacht kaufen, egal in welcher Preisklasse sie sich bewegt.
Die eigentliche Frage für die Werften
Was kann man also jetzt als Werft tun, um zu überleben und weiterhin seine Mitarbeiter in Arbeit zu halten?
Da sehe ich eigentlich zwei Ansätze.
Erstens machen das viele Werften schon: das Lieferprogramm so weit straffen, dass nicht alle zwei Jahre neue Modelle auf den Markt gedrückt werden, die der Markt gar nicht abnehmen kann.
Und zweitens sollte man die Abstände zwischen den Modellen wieder größer machen. Man braucht keine 32, 34, 36, 39 Fuß, wenn dann die nächste schon 40 oder 41 Fuß ist.
Diese Vielfalt ist für Kaufkunden nicht nachvollziehbar. Ich weiß das noch selber aus meiner Zeit bei JEANNEAU: Wir hatten auf der Messe acht bis zwölf Yachten stehen und die Kunden sind im Prinzip von einem Schiff aufs andere gegangen und haben immer nur festgestellt, dass die Abstände jeweils 40.000, 50.000 oder 60.000 Euro betragen. Einen großen Platzunterschied in dieser feinen Abstufung hat man eigentlich nicht bemerkt.
Manch einer hat dann wieder ein nächstkleineres Schiff gekauft, um das gesparte Geld in irgendwelche Ausstattungspakete zu stecken.
Daher würde ich mir wünschen, dass es nachvollziehbarere Grundpreise gibt. Es kann wirklich nicht sein, dass ein 36-Fuß-Schiff weit über 200.000 Euro kostet.
Ich würde mir wünschen, dass es sehr preiswerte Einsteigermodelle weit unter 100.000 Euro gibt, wenn wir jetzt von einer wirklichen Fahrtenyacht sprechen. Aber mit solchen Schiffen können Serienwerften derzeit und sich auch in Zukunft kein Geld mehr verdienen; sowas wird weiterhin in Kleinstserie von Spezialisten gebaut.
Und man muss nicht, wie hier vom Verband vielleicht angeregt, irgendwie 39 oder 37 Fuß als Grundgröße erwarten. Das braucht kein Mensch. Man kann auch auf 34 Fuß mit seiner Familie gut segeln.
Das habe ich selbst erlebt
Wir hatten mit unserem letzten Schiff, einer Hanse 342, in meinen Augen die beste Hanseyacht, die je gebaut wurde, und auch die wertstabilste.
Wir haben damit lange Fahrten auf Ostsee und Mittelmeer unternommen und hatten immer vier Kinder dabei. Trotz nur 2 Doppelkabinen war es nie beengt, obwohl das Schiff natürlich nicht riesig ist.
Es hatte eine begehbare Backskiste, und dort war sehr viel Stauraum. Im Cockpit konnte man schlafen, im Salon konnte man schlafen. An Platz hat es uns also überhaupt nicht gemangelt.
Ich sehe überhaupt nicht, dass man, zumindest wenn man mit dem Fahrtensegeln anfängt und in heimischen europäischen Gewässern bleibt, unbedingt etwas Größeres braucht.
Ganz im Gegenteil: Mit einem Schiff unter elf Metern bekommst du wenigstens überall einen Liegeplatz und einen Hafenplatz.
Vielleicht sollte man sich wieder stärker auf die Ostsee konzentrieren, wenn man schon als Werft in Deutschland sitzt. Natürlich darf man die ausländischen Kunden nicht vergessen, aber da wird von vielen Werften schon einiges richtig gemacht.
Man muss die Leute nicht aufs Wasser zwingen
Man muss sich auch nicht zu viele Gedanken darüber machen, wie man Kunden überhaupt aufs Wasser bekommt. Hier muss man ganz klar sagen: Egal wie die Angebote sind – es gibt heute ein Ausufern des Freizeitangebots.
Du kannst quasi an jedem freien Tag tausende verschiedene Sachen unternehmen. Diese Überflutung führt eben auch dazu, dass viele Leute vieles gleichzeitig machen wollen und sich dann nicht auf eine Sache festlegen lassen.
In meiner Jugend war das anders.
Mein erstes Schiff hat 2.000 DM gekostet. Es war ein Notverkauf von einem Unternehmer, der berufsbedingt in die USA wechseln musste und seinen Nationalen Kreuzer in Berlin nicht loswurde. Ich habe ihn drei Tage, bevor er abgereist ist, vom Bock, ohne Probeschlag und alles, einfach weggekauft.
Bei diesem Preis kann man auch nicht erwarten, dass da noch irgendwelche Zugeständnisse kommen.
Ich war so fasziniert davon, dass ich ab diesem Zeitpunkt jede freie Minute in dieses Schiff und dann natürlich in alle weiteren gesteckt habe.
Heute könntest du als junger Mensch ein Schiff geschenkt bekommen und trotzdem nutzt es fast niemand, weil die Nebenkosten hoch sind und weil du natürlich oft auch handwerklich etwas können und Zeit investieren musst.
Der Markt wird nicht mehr so werden wie früher
Natürlich gab es während Corona auch sehr viele Spontankäufe. Leute haben sich ein Hausboot oder eine Yacht gekauft, um einfach einen Urlaubsplatz zu haben, und nach zwei Jahren festgestellt, dass das Ganze natürlich viel Geld kostet – und dauerhaft Geld kostet, auch im Winter.
Diese Schiffe stehen mittlerweile fast ausnahmslos wieder zum Verkauf oder wurden weiterverkauft. Das war eine Ausnahmesituation, und da wurden auch sehr viele unbedarfte Käufe gemacht.
Heute ist die Situation eine andere.
Viele Leute wollen materielle Dinge nicht mehr unbedingt besitzen. Ob das mit Sharing-, Charter- und Leasingmodellen so weitergeht, kann keiner wissen. Auf alle Fälle glaube ich nicht, dass der Markt jemals wieder so wird, wie er früher war – selbst wenn die Schiffe noch preiswerter wären.
Deshalb glaube ich auch nicht, dass eine Ausschreibung zu einem Einsteigerboot unter 100.000 Euro auf nennenswerte Resonanz der Hersteller stoßen wird.
Der Ansatz, mehr Menschen aufs Wasser zu bekommen, ist richtig. Ich glaube nur nicht, dass man dafür zwingend ein neues Boot entwickeln muss. Vielleicht liegt der Schlüssel vielmehr darin, vorhandene, bewährte und bezahlbare Boote wieder ins Bewusstsein zu rücken und einer neuen Generation zu zeigen, dass Segeln nicht mit einer 40-Fuß-Yacht für mehrere hunderttausend Euro beginnen muss.